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Michael Zengerle, MSC-Deutschland-ChefZur Sache, Herr Enüstün!

Hakan Enüstün ist Geschäftsführer des Paketreiseveranstalters H&H Touristik in Karlsruhe, der Spezialanbieter für Gruppen-, Wellness- und Sportreisen ist. Das Unternehmen feierte 2016 sein 30-jähriges Jubiläum. Lange galt H&H Touristik als Türkeispezialist. Doch die Zeiten haben sich rasch geändert – nicht zuletzt aufgrund der seit dem Putschversuch Mitte Juli 2016 sich drastisch veränderten politischen Lage in der gesamten Türkei. Unter anderem gehört auch das krisengeschüttelte Reiseland Ägypten zum breitgefächerten H&H-Portfolio.

Herr Enüstün, H&H Touristik wird von vielen Busreiseveranstaltern nach wie vor überwiegend als Türkeispezialist wahrgenommen. Ist das so?

Das stimmt. In den Köpfen der Busreiseveranstalter sind wir immer noch als Türkeispezialist verankert. Das liegt daran, dass wir vor 31 Jahren angefangen haben, Busreisen in die Türkei anzubieten. Nicht nur Städtereisen nach Istanbul, sondern auch Rundreisen. Später, mit dem Ausbruch des Jugoslawienkrieges, haben wir für Busunternehmer Flugreisen in die Türkei ins Portfolio aufgenommen – aber auch zu anderen Reisezielen wie Griechenland und Ägypten. Inzwischen sind wir in über 20 Ländern unterwegs und längst nicht mehr Türkeispezialist. Letztes Jahr beispielsweise lag der Anteil von Gruppenreisen in die Türkei lediglich bei 15 Prozent und dieses Jahr gar nur bei drei Prozent, während beispielsweise die neue Destination Südafrika bereits bei 20 Prozent liegt. In diesem Fall kann man nicht von einem Türkeispezialisten reden. Wir sind eher ein Generalist, der sich auf neue Länder spezialisiert.

Die Türkei war lange Zeit eines der Lieblingsziele der Deutschen. Wie stark sind die Rückgänge im Vergleich zum Vorjahr?

Bis 2016 lief die Türkei als Reiseziel sehr gut. Die vielen Anschläge, Erdbeben etc. hat das Land gut überstanden und befand sich wieder auf einem guten Weg. Seit Juni 2016 geht es, was die Buchungen der Gruppenreisen angeht, rapide bergab. Wir haben aktuell einen Rückgang von 84 Prozent. Pauschaltourismus aus Deutschland hingegen wird meiner Meinung nach trotzdem laufen. Denn es gibt Kunden, die in erster Linie auf den Preis schauen. Momentan ist das Preis-Leistungsverhältnis in der Türkei unschlagbar.

Unter den gegebenen Umständen in der Türkei ist manchen Kunden das Geld wichtiger, als die Sicherheit?

So ist das. Wir mischen seit 2016 in der dynamischen Reiseproduktion mit. Das heißt, wir verkaufen Pauschalreisen in die Türkei über Online-Reiseportale. Hier haben wir eine ganz andere Klientel. Altersdurchschnitt liegt etwa bei 30 Jahren. Diese Klientel bucht alles, solange der Preis stimmt. Sogar nach den Anschlägen in der Silvesternacht in Istanbul hatten wir viele Buchungen. Diese Klientel wird auch weiterhin Türkeireisen buchen.

Die Türkei ist nicht der einzige Krisenherd momentan. Auch Ägypten zählt zu den Reisezielen, die Sie im Portfolio haben. Was heißt das für Sie als Reiseveranstalter?

Wir haben in den vergangenen 30 Jahren insgesamt 30 Krisen überstanden als H&H Touristik. Wir sind ein krisengeprüftes Unternehmen. Was die Türkei betrifft, konnten wir trotz eines Minus von 50 Prozent im vergangenen Jahr unseren Umsatz um acht Prozent steigern.

Wie ist das möglich?

Wir haben unser Portfolio um drei neue Reisedestinationen erweitert. Südafrika, Israel und Malediven sind dazu gekommen. Nach Südafrika haben wir mittlerweile über 10.000 Gäste geschickt. Auch nach Israel sind fast genauso viele Gäste mit H&H Touristik gereist. Wir lehnen uns nicht zurück, warten und hoffen, bis das Geschäft in der Türkei wieder läuft. Ganz im Gegenteil. Wir agieren und reagieren sehr schnell. Das ist der Vorteil eines mittelständischen Unternehmens; wir können sehr schnell neue Produkte auf den Markt bringen und verkaufen.

Was ist mit Ägypten?

Ägypten ist kein Krisenland mehr für uns. Ägypten läuft gut. Wir haben sehr gute Zuwächse. Am 28. März habe ich an der DRV-Tagung für die Säule C, mittelständische Unternehmen, teilgenommen. Es waren rund 24 Veranstalter anwesend. Diejenigen, die Ägypten anbieten, haben ebenfalls alle bestätigt, dass sich Ägypten momentan gut verkaufen lässt. Wir haben mittlerweile vier Schiffe vollgechartert von November 2017 bis April 2018. Nilkreuzfahrten werden nächsten Winter der Renner sein, davon bin ich überzeugt.

Wie sieht’s eigentlich aus mit Spanien und Griechenland?

In Spanien verkaufen wir ausschließlich Andalusien-Rundreisen für Gruppen. Griechenland als Ziel für Badeurlauber ist wieder stark im kommen – knapp 100-prozentiger Zuwachs. Aber im Gruppensegment läuft Griechenland gar nicht. Rundreisen werden leider nicht angenommen. Bei uns laufen die Inselhopping- Kreuzfahrten mit Celestyal Cruises dafür sehr gut.

H&H Touristik belegt nach wie vor Platz 27 im Ranking der deutschen Top-Veranstalter. Was bedeutet diese Platzierung konkret für Sie?

Laut unseren Kenntnissen gibt es in Deutschland knapp 3.000 Reiseveranstalter. Bei so vielen Reiseveranstaltern unter den Top 30 zu sein, ist ein Erfolg. Unser Ziel ist es, unter den Top 30 zu bleiben und die Platzierung zu verbessern.

Was ist ausschlaggebend für Ihren Erfolg?

Ein gutes Team, das ist das erste und wichtigste. Auch wenn wir mit Karlsruhe als Unternehmensstandort nicht gerade mit Städten wie Berlin, Frankfurt oder München konkurrieren können, haben wir es in all den Jahren trotzdem geschafft, immer wieder Top-Mitarbeiter für uns zu gewinnen. Das reicht von der Geschäftsleitung, Buchhaltung über die Flugabteilung bis hin zum Vertrieb. Zweitens spielt die Flexibilität eine wichtige Rolle. Wir sind sehr agil und treffen Entscheidungen sehr schnell. Hinzu kommt, dass wir nicht nur im Vertrieb, sondern auch bei unseren Produkten erfinderisch sind. Problem: Unsere Angebote werden nach kurzer Zeit sogar von großen Veranstaltern kopiert – samt Schreibfehler. Wir sind uns dessen sehr wohl bewusst, aus diesem Grund arbeiten wir kontinuierlich daran, Neues zu entwickeln.

Welche Rolle spielen Busreisen bei H&H Touristik?

Busreisen im klassischen Sinne spielen bei H&H keine Rolle mehr, weil wir den Busunternehmen keine reine Busreise mehr anbieten. 90 Prozent unserer Reisen sind Gruppenreisen. Zum Beispiel, wenn wir eine Dubai-Reise anbieten, so beinhaltet diese Reise keine Badeaufenthalte. Das ist dann eher eine Minirundreise mit drei Übernachtungen in Dubai und zwei in Abu Dhabi. Wir schicken jährlich knapp 20.000 Gäste nach Dubai. Bei jeder Ankunft haben wir zirka 30 bis 40 Gäste. Diese kennen sich nicht alle untereinander. Wir machen sozusagen aus individuellen Gästen eine Gruppe, die dann vor Ort gemeinsam an verschiedenen Ausflügen teilnehmen. Der Bus dient dabei als Beförderungsmittel.

Wie sehen Sie die Zukunft der Reisebranche?

Die EU-Pauschalreiserichtlinie sehe ich als eine große Bedrohung für Reiseveranstalter und Reisebüros sowie für den Gruppentourismus. Durch die mögliche Gesetzesänderung könnte der Schwarztourismus sehr stark gefördert werden. Außerdem besteht die Gefahr für Busunternehmer, dadurch zum reinen Transportunternehmen degradiert zu werden. Denn im Zeitalter von Internet kann jeder seine Reise inzwischen selber zusammenstellen, auch für eine Gruppe. Die Zukunft wird vom Schwarztourismus geprägt sein und Schwarztourismus wird einen sehr großen Teil des Tourismus ausmachen. Dagegen kann man aber leider nicht viel unternehmen. Ein weiteres kritisches Thema sind Online- Reiseportale, die von der Pauschalreiserichtlinie profitieren könnten. Theoretisch können Online-Reiseportale, das machen ja inzwischen einige, ihr eigenes Einkaufskorbsystem entwickeln. Man kann einzelne Leistungen in den Einkaufskorb legen, das würde ja die Pauschalreiserichtlinie erlauben, und draus eine Rundoder Pauschalreise zusammenstellen für Einzelne oder Gruppen. Das „Online-Reisebüro“ muss im Gegensatz zu einem Reiseveranstalter aber keine Insolvenzversicherung zahlen, muss nicht geprüft werden, muss keine Rücklagen bilden und ebenso wenig eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung abschließen. Auf der anderen Seite werden in Zukunft Reisen mit viel Inhalt und Qualitätsmerkmalen, persönlicher Betreuung vor und während der Reise sowie Alleinstellungsmerkmalen genauso großen Erfolg haben.

Wie wappnen Sie sich gegen diese Entwicklungen, die Sie beschrieben haben?

Über die dynamische Reiseproduktion. Wir haben mehrere Millionen in diesen Bereich investiert. Seit Juni 2016 sind wir auch über Online-Portale buchbar. Das heißt, wenn man beispielsweise eine Pauschalreise über ab-in-den-urlaub.de oder holidaycheck.de buchen will, findet man auch Angebote von H&H Touristik. Im Moment gibt es keine Datenbank, die Rundreisen anbieten. Die Busunternehmer sind momentan noch Safe sozusagen. Aber ich denke, das wird nicht mehr lange dauern. Inzwischen ist die dynamische Produktion auch im Kreuzfahrtenbereich angekommen. Einige Reedereien haben bereits damit angefangen, Kreuzfahrten dynamisch einzubinden.

(Das Gespräch führte: Askin Bulut)

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